Menschen der Antike und der Moderne – ein Vergleich (vom 05.07.2010)

Menschen der Antike und der Moderne – ein Vergleich

Wer kennt sie nicht? Die Lichtgestalt der Antike, die Schöne, die Liebesgöttin Aphrodite, auch bekannt unter dem Namen „die Schaumgeborene“. Bildlich vor Augen das Gemälde von Botticelli, in der sie nur mit ihren Haaren ihre Scham bedeckt, schwelge ich in Fantasien von Meer, Wellen, Sonne und Freiheit. Nach der alten Mythologie wurde Aphrodite gezeugt, als sich der Samen ihres Vaters mit den Wellen des Meeres vermischte. Deswegen wird sie auch „die Schaumgeborene“ genannt.  Die Schaumgeborene – was für ein poetischer Name!Beim Blick in die Küche ist mir dann meistens nicht mehr so poetisch zumute, denn nun kommt der Mensch der Moderne: „der in der U-Bahn-Geborene“. Dieser Mensch zeichnet sich dadurch aus, dass Türen oder Schubladen jeglicher Art, aber auch alles andere, was zum Öffnen geeignet ist, nach erfolgreicher Öffnung nicht wieder geschlossen wird. Man geht davon aus, dass das Leben wie in der U-Bahn funktioniert: Aufmachen muss man die Tür selber, geschlossen wird sie immer während des geheimnisvollen Piepsens. Nur leider piepst zu Hause selten was (außer vielleicht der Wecker am Morgen) und selbst wenn was Piepsen würde: zugegangen ist trotzdem noch nichts. Warum „der in der U-Bahn-Geborene“ trotzdem nichts schließt, soll hier einmal beleuchtet werden. Zunächst muss ich erwähnen, dass ich hier in meinem privaten Umfeld ein wunderschönes Anschauungsexemplar habe. Insofern denke ich mir hier nichts aus. Aber woran mag das Phänomen nun liegen? Meines Erachtens ist die Erklärung typbedingt. Es gibt hierbei verschiedene Typen, welche ich nicht vorenthalten will. Bevor man versucht, einen Türschließverweigerer umzuerziehen, muss man zunächst herausfinden, zu welchem Typ er gehört. Da kann man dann ansetzen. Wichtig ist immer: viel Zeit, Liebe, Konsequenz und Leckerlis. Bei einigen Typen ist man alleine vollkommen überfordert, da muss man sich professionelle Hilfe holen. Der Einfachheit halber habe ich die jeweiligen Umerziehungsmethoden bei den dazugehörigen Typen angerissen.

Typ 1: Der Anerkennung Heischende. Der Erfolg des Öffnens ist so bewundernswert, dass man vor einer mindestens mündlichen und mit Applaus begleiteten Belobigung nicht erwarten kann, dass das getane Werk von selbst der Öffentlichkeit vorenthalten wird. Schließlich muss ja jeder wissen, dass man etwas geöffnet hat. Dieser Typ ist recht einfach umzuerziehen: Man bittet ihn, eine Tür zu schließen und fällt ihm dann um den Hals, lächelt, lacht, küsst ihn, bietet im Sex an, egal. Die Belobigung beim Schließen der Tür muss immer größer sein, als die beim Öffnen der Tür.

Typ 2: Der Schwache. Der Armmuskel der betreffenden Person ist nur für die Öffnungsbewegung ausgebildet. Man ist sozusagen nur in der Lage, den gestreckten Arm plus Belastung (in diesem Fall die Schranktür oder Schublade) zum Körper heranzuziehen, jedoch nicht, ihn auch unter Belastung wieder auszustrecken. Sollte diese Theorie zutreffen, müssten diese Personen jedoch noch wesentlich mehr Schwierigkeiten im Alltag bewältigen: mir fällt da spontan das Kaffeetrinken ein: Becher zum Mund führen geht, aber wieder zurück nicht. Hm, ich denke, die Theorie mit dem verkümmerten Armmuskel kann man vernachlässigen. Ansonsten schickt man ihn ins Fitness-Studio und lässt ihn Bankdrücken; dies entspricht genau der angestrebten Bewegung.

Typ 3: Der Klaustrophobiker. Es handelt sich hierbei um einen Reflex, um klaustrophobischen Anfällen vorzubeugen. Eventuell ist die Definition von „geschlossenen“ Räumen bei solchen Personen dahingehend auszulegen, dass schon ein geschlossener Schrank im Raum Panikattacken auslöst, auch wenn man ihn von außen betrachtet und nicht drinsitzt. Hier hilft leider nur eine Therapie unter professioneller Anleitung – oder Sexentzug androhen.

Typ 4: Der Faule. Aufmachen ist schließlich anstrengend genug. Und überhaupt: eigentlich sollte der Partner froh sein, dass man selbst in die Küche gegangen ist, um sich einen Kaffee zu kochen. Wer sich beschwert, darf das nächste Mal selber laufen. Hier aufpassen: man muss das Globale sehen. Wenn man es sich jetzt verscherzt, indem man auf das Schließen von Türen besteht, könnte man vom Regen in die Traufe kommen. Also lieber das kleinere Übel wählen und mit offenen Schränken leben lernen. Eventuell kann man ja gleich alle Türen abmontieren.

Typ 5: Der Liebeskranke. Man möchte alles mit seinem Partner teilen. Sogar das Schrank auf- und zumachen. Was ich aufmache, darf mein Partner zumachen. Ist Liebe nicht schön? Einzige Rettung: Trennung, eindeutig Trennung, der Typ ändert sich nie.

Typ 6: Der Blinde (im übertragenen Sinn). Nach mir die Sintflut. Es gibt tatsächlich Menschen, die sehen so etwas nicht. Doch, gibt es wirklich, ungelogen. Hier hilft: Fotos machen, dem Blinden vorlegen und fragen, was an diesem Bild nicht richtig ist. Sollte das nicht fruchten, ein Vorher-Nachher-Spiel machen und ihn bitten, die Unterschiede auf den Fotos einzukreisen (eins von der Küche mit geschlossenen Schränken und eins mit geöffneten Schränken). Danach bespricht man sich und macht die Belohnung aus (siehe Typ 1).

Typ 7: Der Zielstrebige. Der Inhalt des Schranks ist nur Mittel zum Zweck. Wozu ist man denn in die Küche gegangen? Das Ziel zu erreichen, hat oberste Priorität. Alles, was davon abhält, wird konsequent verweigert – und einen Schrank zu schließen, hat ja wohl nichts mit Zielerreichung zu tun, oder? Die Suppe kocht schließlich auch bei geöffneten Schränken. Schwierig zu heilen: Man könnte ihm ein Spiegelbild vorhalten und selbst auch nur noch zielorientiert handeln. Fühlt er sich dann vernachlässigt, ist eine Erklärung notwendig. Vielleicht hat man es dann schon geschafft.

Typ 8: Das Kleinkind. Jeder, der schon mal ein Kleinkind beobachtet hat, kennt es: Ein Spielzeug etc. wird immer und immer wieder fallengelassen. Warum machen Kleinkinder das? Sie wollen überprüfen, ob das Spielzeug auch beim 1000. Fallenlassen immer noch auf dem Boden landet. Es handelt sich hier also um ein simples „Learning by doing“. Das Kleinkind erfährt, dass die physikalischen Gesetze immer gelten, auch beim 1000. Versuch. Insofern probiert der Kleinkind-Typ auch, ob nicht doch irgendwann mal eine Schranktür von selber zugeht. Es klappt ja schließlich in der U-Bahn auch, wieso denn bloß nicht zu Hause? Verflixt noch eins, das gibt es doch gar nicht. Heilung: Auto kaufen und soweit wie möglich von der U-Bahn fernhalten. Eventuell ist das Piepen und das automatische Zugehen der Türen noch nicht bis ins Unterbewusstsein vorgedrungen und es wird im Laufe der nächsten Jahre als Autofahrer wieder vergessen. Dann kann man das Schließen von Hand wie bei jedem anderen Kleinkind auch beibringen.

Typ 9: Der Mathematiker. Der von der Wahrscheinlichkeitstheorie besessene Mathematiker geht davon aus, dass das Zugehen einer Schranktür allein von Wahrscheinlichkeiten abhängt. Je mehr Schranktüren offenstehen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass doch mal eine von alleine zugeht. Wenn nie etwas offensteht, kann ja auch gar nichts zugehen. Hier empfehle ich dringend die Umschulung zum Landschaftsgärtner, da kommt man dann tagsüber auch nicht soviel mit geschlossenen Gegenständen in Kontakt.

Typ 10: Der Chaosforscher. Dieser Typ ist fasziniert von Anfangsbedingungen und der Dynamik des Werdens. Die Unvorhersehbarkeit dessen, was passiert, muss erforscht werden, und sei es in der eigenen Küche. Allerdings passiert irgendwie immer dasselbe: der Partner kommt rein und meckert und dann sind die Schränke wieder zu. Doof. Heilung: unmöglich. Man kann es mit Logik versuchen, aber der Erfolg ist nicht garantiert.

Typ 11: Der Zeitsparer. Dieser Typ denkt, das Leben kann jeden Moment zu Ende sein, und dann will man seine letzten Sekunden doch wohl nicht mit ödem Türen schließen verbracht haben, oder? Außerdem spart man über die gesamte Lebensspanne bestimmt 5 Minuten, wenn man nie Türen oder Schubladen schließt. Und diese 5 Minuten kann man ja wohl in wesentlich nettere Aktivitäten investieren. Wie z.B. auf dem Sterbebett den lieben Verwandten noch das Versteck des vergrabenen Geldes verraten. Diesem Typ muss man ganz einfach erklären, dass er viel mehr Zeit spart, wenn er die Schränke gleich schließt, anstatt danach noch 15 Minuten mit dem Partner über die offenen Schränke und die daraus resultierenden Beziehungsprobleme zu diskutieren.

Typ 12: Der Geizige. Er glaubt, dass jedes Scharnier nur eine bestimmte Lebensdauer hat. Öffnen und Schließen beansprucht das Scharnier doppelt. Aus diesem Grund öffnet er lediglich die Tür und versucht, durch das Nichtschließen die Lebensdauer der entsprechenden Scharniere zu verdoppeln. Heilung: durch das Offenstehen der Schränke muss viel öfter geputzt werden, was sich dann bei den Kosten für Reinigungsmittel niederschlägt. Spätestens nach dieser Erklärung sollte das Problem gelöst sein.

Es sei noch darauf hingewiesen, dass es immer auch Mischexemplare gibt. Sollte jemand noch andere Typen kennen, bitte ich um Benachrichtigung.

PS.: Die wenigstens Sorgen hat man übrigens mit dem Handwerker-, dem Musiker- und dem Fußballertyp. Beim Handwerker kauft man sich Schrank- und Schubladentüren, die automatisch schließen. Das fasziniert ihn dermaßen, dass er grundsätzlich den Anstoss gibt und beim langsamen Zugehen zuguckt. (Hat bei uns zumindest mit der Klobrille geklappt – JUHU). Dem Musiker erzählt man einfach, dass man es liebt, wenn er in der Küche Musik macht und man voll auf Percussion steht. Und mit dem Fußballer wettet man, wieviele Tore er wohl diesmal schießen wird (wobei natürlich das Türschließen, bzw. der Knall dabei, als Tor gilt).

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