Love is everywhere (vom 07.05.2011)

Er war so aufgeregt. Heute war es soweit: er sollte sich mit seiner zukünftigen Partnerin treffen und vereinen. Es war ebenso unumgänglich, dass aus dieser Verbindung Kinder entstanden. Soweit er wusste, durfte jedes Paar aber nur ein Kind haben. Aber darüber wollte er jetzt noch nicht nachdenken. Das würde man später sehen. Erst einmal stand die Vereinigung an. Es hatte schon öfter Gerüchte gegeben vom Rand des Universums. Aber auf jedes Gerücht folgte bisher die Ernüchterung, wenn wieder nichts passierte. Aber heute war es anders. Alle um ihn herum waren aufgeregt, flüsterten und tuschelten und rückten unruhig hin und her. Es konnte diesmal kein Gerücht, kein Fehlalarm sein. Heute würde es passieren, heute musste es passieren. Die einzige Frage, über die er sich noch Sorgen machte, war, ob für jeden von ihnen eine Partnerin da war. Er war praktisch umzingelt von seinen Freunden und sie alle warteten auf den einen Moment, der ewig währen würde. Was, wenn er als Einziger alleine bliebe? Müsste er dann immer die Anderen um sich herum in ihrer Umarmung beobachten, ohne selber fliehen zu können?
Die Frage, wo die Partnerinnen waren und wie sie wohl aussehen mochten, beschäftigte ihn schon lange, aber keiner konnte ihm bisher eine Antwort darauf geben. Um ihn herum waren von jeher auch Schatten gewesen, in denen er nichts erkennen, höchstens erahnen konnte, aber immer nur in dem Moment, in dem er wegschaute. Waren hier die Anderen? Warteten sie dort genauso gespannt und gefesselt wie er hier? Heute würde er es erfahren. Aber was, wenn nicht? Er zweifelte in demselben Maße, in dem er sich freute und er meinte, platzen zu müssen, wenn nicht bald etwas passierte. Alle um ihn herum waren in irgendeiner Laune gefangen, einige aufgeregt, andere wiederum genervt, weil jetzt das ruhige Leben ein Ende hatte, und andere sahen aus, als müssten sie den Märtyrertod sterben. Wenige sahen aus, als hätten sie das alles schon zigmal mitgemacht und als wüssten sie ganz genau, was passieren würde. Aber er wusste, das konnte nicht sein. Er hätte es gewusst, wenn es schon einmal jemand mitgemacht hätte.

Und dann spürte er es: es wurde wärmer. Zunächst fast unmerklich, dann langsam ansteigend, dann immer schneller und immer heißer. Es war wie eine Welle, die auf ihn zurollte und ihn überrollen wollte. Er wusste, es war soweit, und er hätte nichts mehr dagegen tun können, selbst wenn er gewollt hätte. Aber er wollte ja gar nicht, er wollte, dass es endlich passierte. Die Hitze stieg immer mehr an und wurde fast unerträglich und dann, als er dachte, er könnte es nicht mehr aushalten, kam das Licht. Er sah plötzlich die Schatten verschwinden und was in den Schatten war, was dort die ganze Zeit gewesen war und die Barriere, die ihn vorher immer gehalten hatte, verschwand. Er fühlte sich frei und schaute sich um. Um ihn herum trieben seine Freunde auf passende Partnerinnen zu. Auch er selbst fühlte sich unwiderstehlich zu einer bestimmten Partnerin hingezogen. Er konnte sein Glück kaum fassen. Auf diesen einen Moment hatte er so lange gewartet und jetzt war er da. Er fand seine Partnerin und vereinigte sich mit ihr im selben Moment, wie alle seine Freunde um ihn herum. Überall sah er überraschte oder selige Gefühle, dieselben, die er im Moment fühlte. Und im Moment der Vereinigung, als Krönung dieses überirdischen Glücks, gebar seine Partnerin das Kind. Und jetzt verstand er auch, warum sie nur jeweils ein Kind haben konnten: mehr war seine Partnerin nicht bereit, zu geben. Und in diesem Zustand, als Einheit, würden sie beide nun für alle Zeit vereint sein. Neben diesem Glück, endlich nicht mehr allein zu sein, stand jedoch ein neuer Schmerz: der Verlust des einzigen Kindes. Dieses strebte nun zusammen mit den anderen Kindern an den Rand des Universums, um dort sein Glück zu finden. Und in dem Maße, wie seine eigene Individualität schwand, erwuchs ein neues Gefühl: ein Gemeinschaftsgefühl, als Teil einer zusammengehörigen Einheit. Alles war perfekt.

Figuren:
Junggeselle, Vater: Deuterium
Schattengestalt, Mutter: Tritium
Vereintes Paar: Helium
Kind: Neutron

Erläuterung (entnommen aus Wikipedia): Die Kernfusion ist eine Kernreaktion, bei der zwei Atomkerne zu einem neuen Kern „verschmelzen”. Beispiel für eine Fusionsreaktion:
Deuterium und Tritium verschmelzen zu einem Heliumkern unter Freisetzung eines Neutrons.
Diese Reaktion wird als Quelle für schnelle Neutronen genutzt; die Energie beider Reaktionsprodukte kann zur Energiegewinnung in einem Kernfusionsreaktor dienen, aber auch für Wasserstoffbomben.

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